Menschen im Blickpunkt: Alexandra – Blind, selbstbewusst, selbstbestimmt

// 17. August 2016 More

Erfahren, erfühlen, ertasten

1Alexandra Okpisz ist von Geburt an blind. Trotz dieses Handicaps schloss die 36-jährige ihr Germanistikstudium mit dem Master of Arts ab – getrieben von der Kraft ihres Willens und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Bei aller Dunkelheit, die sie umgibt, sucht sie das Licht der Freiheit. Ihr Traum: Ein Job, der sie erfüllt. Im Berufsförderungswerk Düren für Blinde und Sehbehinderte erhält sie die beste Vorbereitung und Qualifizierung.

Alexandras Händedruck ist energisch. Gern akzentuiert sie Sätze, wechselt die Tonlage zwischen nachdrücklichem und weichem Timbre. Mit gesunder Selbstironie erzählt sie über sich und ihr Leben. Seit Ende März ist sie in Düren. Als Frühchen geboren, war vermutlich eine zu hohe Dosis Sauerstoff der Grund für ihre Erblindung. Sie lächelt: „Ich war wohl zu neugierig, auf die Welt zu kommen.“ Sie lebt allein in Dortmund. Noch! Sie holt tief Luft: „Ich habe einen Verlobten. Meine große Liebe! Er ist auch sehbehindert. Wir möchten heiraten und zusammenziehen, sobald ich mich beruflich niedergelassen habe.“ Eine feste Anstellung sei ihr größter Wunsch, gesteht Alexandra. Seit zweieinhalb Jahren ist sie auf Arbeitssuche, hat schon 170 Bewerbungen verschickt. Bisher kamen nur Absagen. Doch die können sie nicht entmutigen. „Ich würde gerne schreiben oder als Lektorin oder Referentin für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig sein.“ Studiert hat sie an der Ruhr-Universität. „Da war ich als Blinde in meiner Fakultät allein auf weiter Flur. Nur im letzten Jahr wurde mir eine Assistenz zugesprochen.“ Sie schlug sich durch, besuchte eine Vielzahl von Seminaren und Vorlesungen, um sich mehr Wissen anzueignen. „Zu bestimmten Büchern und Texten hatte ich ja keinen Zugang. In der Bibliothek wurde mir gesagt, ich müsste mir jemanden Sehendes mitbringen, der die Bücher herausholen konnte.“ Mit eisernem Willen beendete sie ihr Studium. „Was hätte ich auch anderes tun sollen? Abbrechen? Dann hätte ich nach all der Anstrengung nichts in der Hand gehabt.“

Auf die Integration in das Arbeitsleben wartet sie bisher vergeblich. Statt Chancengleichheit nun auch praktisch zu erfahren wurde sie auf Hartz 4 gesetzt. Sie ist enttäuscht. „Angeblich wird die Eingliederung behinderter Menschen in die Gesellschaft angestrebt. Ich wäre schon glücklich über eine Praktikumsstelle. Kindern sagt man, lernt, dann werdet ihr was.“ Gilt das auch für Menschen mit einem Handicap? Allein mit dem Studienabschluss will sie sich auf keinen Fall zufrieden geben. Sie strebt nach mehr, nach der Eingliederung in das Berufsleben. Nach Anerkennung, wie Menschen mit gesunden Augen. Im Berufsförderungswerk Düren absolviert sie derzeit einen Computer- und EDV-Lehrgang, der in eine berufliche Integrationsmaßnahme übergehen soll. Das Lernen am Computer mit blindenspezifischer Ausstattung sei hierfür eine wichtige Qualifikation. „Ich lerne das Erstellen von Exel-Tabellen über die Blindenschrift und Sprachausgabe. Mit der Braillezeile geht das ganz gut.“ Die Braillezeile habe die Funktion, die Informationen, die auf dem Bildschirm zu sehen sind, in Punktschrift auszugeben, erklärt Alexandra. So kann sie Zeichen für Zeichen den Bildschirminhalt ertasten.

Wege zu mehr Freiheit

In Düren wird Alexandra aber nicht nur am Computer geschult. Zum Lehrprogramm – und letztlich zur Verwirklichung ihres Traumes von einem Job – gehören ebenso Fähigkeiten, die in der Orientierungs-und Mobilitätsschulung erworben wurden. Zum Beispiel, sich von Punkt A nach Punkt B zu bewegen, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Alltag eines sehbehinderten oder blinden Menschen ist gespickt mit Herausforderungen, die nur mit Wissen, Übung und Durchhaltevermögen zu meistern sind. Reha-Lehrerin Meike Berger trainiert deshalb mit ihrer Schülerin Orientierung, Mobilität und Bewegungssicherheit. Beispielsweise, wie die junge Frau vom Dürener Bahnhof mit der Ruhrtalbahn bis in die Nähe der Einrichtung fahren und von dort den Rest des Weges sicher zu Fuß bewältigen kann. An einem Modell des Bahnhofs bekommt Alexandra alle Besonderheiten erklärt, die räumlichen Gegebenheiten, wie die Bahnsteige angeordnet sind, wo der Lift ist, die Treppen. Mit den Fingern tastend erkundet sie das Bahnhofsmodell. Danach ist der Wagon des Zuges an der Reihe, wichtige Orientierungspunkte wie Einstieg und Ausstieg, die Anordnung der Türen und Sitzplätze, die Haltestangen und Haltesignale. Meike Berger: „Als Blinder muss ich zunächst die Gesamtheit eines Gebäudes, eines Raumes begreifen. Gleich gehen wir raus und übertragen das in die Realität.“

Gemeinsam laufen wir zur Haltestelle Kuhbrücke. Alexandra vorneweg, Meike Berger folgt ihr mit Abstand. Gestern sei sie den Weg zum ersten Mal „allein“ gegangen. „Der Wind heute beeinträchtigt die Akustik und erschwert die Orientierung.“ An der großen Kreuzung erleichtert eine Blindenampel das Überqueren der Hauptstraße. Am Bahnsteig der Ruhrbahn angekommen sind beide zufrieden. Es lief heute sehr gut! Wenig später fährt die Ruhrtalbahn ein. Auf der kurzen Fahrt zum Bahnhof in Düren wird der Wagon ertastet und erarbeitet. In den vier Wochen des Trainings habe sich ihre Bewegungs- und Orientierungsfähigkeit um einiges verbessert, sagt Alexandra. Sie sehe jetzt viel besser – mit allen Sinnen und Sensoren innerer und äußerer Wahrnehmung. „Vorher wurde ich mit dem Taxi abgeholt. Jetzt fühle ich mich freier, kann allein zum Supermarkt gehen oder in die Stadt fahren.“

Am Bahnhof in Düren verabschieden wir uns. In Begleitung von Meike Berger steigt Alexandra wieder in die Ruhrtalbahn ein, fährt dieselbe Strecke zurück. Noch einmal wird sie die Räumlichkeiten erfassen, Hindernisse und Orientierungspunkte ertasten. Ganz konzentriert ist sie. Sie will das schaffen. Sie hat Vertrauen in sich selbst und in die Lehrer und Betreuer. Düren ist für sie kein Freifahrschein. Aber eine offene Tür zu mehr Unabhängigkeit und Freiheit.

Autor: Angela Mrositzki

Category: Allgemein

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